Erst kürzlich habe ich über die Sinnhaftigkeit von politisch initiierter Clusterförderung geschrieben und heute stolpere ich über eine Evaluation eines ähnlichen Konstrukts – der “Metropolregion Mitteldeutschland”. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat sich damit beschäftigt und die Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die Metropolregion Mitteldeutschland (anders als etwa die Metropolregionen Rhein-Ruhr oder Rhein-Main, die ebenfalls aus vielen Städten bestehen) zu weit gespannt und in der Fläche zu dünn besiedelt ist, um eine intensive Kooperationstätigkeit zu ermöglichen. Gerade Gera sitzt zwischen der Thüringer Städtekette und dem Sachsendreieck quasi zwischen den Stühlen.

Aussichtsreicher als in der aktuellen Umsetzung scheint die Kooperation innerhalb der Vorläuferverbünde „Halle-Leipzig/Sachsendreieck“ und „ImPuls-Region Erfurt-Weimar-Jena“ gewesen zu sein. Im Jahr 2009 schlossen sich diese Verbünde zusammen. Zusätzlich beantragten auch die Städte Gera und Magdeburg die Aufnahme in das neu entstehende Bündnis. Die Stadt Gera lässt sich diese Mitgliedschaft jährlich 25’000€ kosten. Messbare Erfolge sind bisher jedoch ausgeblieben, obgleich Oberbürgermeister Dr. Norbert Vornehm (SPD) zum Start euphorisch die fundamentale Bedeutung betonte.

Der Kooperationsverbund von elf großen Städten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sei zu weit gespannt und in der Fläche zu dünn besiedelt, um eine intensive Zusammenarbeit zu ermöglichen, sagt Kauffmann der Thüringer Allgemeine, der zum Beweis seiner Annahme die Pendlerströme zwischen den beteiligten Städten darunter auch Erfurt, Weimar, Jena und Gera – genauer unter die Lupe nahm. “Die politisch gewollte Konstruktion ist schwer händelbar.”

So kam der Wissenschaftler bei seiner Untersuchung zu ernüchternden Ergebnissen. Anders als gedacht, entwickelte sich zwischen bestimmten Städten der Metropolregion kein nennenswertes Potenzial für erfolgreiche Kooperationen. “Die Pendlerverflechtung zwischen Halle und Magdeburg zeigt jedenfalls, dass die Rivalität beider Städte weiterhin stark ausgeprägt ist”, sagt Kauffmann. Pendler-Verflechtungen zwischen den Thüringer Städten und Halle, Dessau, Magdeburg oder Dresden seien ebenfalls gering. Vielmehr erwiesen sich die alten Verbindungen als überaus stabil. “Die deutlich stärkeren Verflechtungen innerhalb der ehemaligen Metropolregion Sachsendreieck (Chemnitz, Desden, Halle/a.d.S., Leipzig, Zwickau) wie auch innerhalb der Thüringer Städtekette (Erfurt, Weimar, Jena) sind offensichtlich”, heißt es in der Analyse.


Pendlerverflechtungen zwischen den elf Städten der Metropolregion Mitteldeutschland, 30.06.2008 - in % des Gesamtpendleraufkommens zwischen diesen Städten - Quelle: IWF, Halle

Pendlerverflechtungen zwischen den elf Städten der Metropolregion Mitteldeutschland, 30.06.2008 - in % des Gesamtpendleraufkommens zwischen diesen Städten - Quelle: IWF, Halle














Wenig erfreulich für Gera: In Richtung der Ostthüringer Stadt wird der Pendlerstrahl zwischen der Städtekette immer dünner. Dafür hat Kauffmann immerhin noch einen gewissen Austausch zwischen Gera und Leipzig registriert. Immerhin 316 Frauen und Männer pendelten laut der Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2008 nach Leipzig, weitere 334 nach Chemnitz. “Eine bilaterale Zusammenarbeit schadet sicherlich nicht.”

Andererseits sieht er Gera auch nicht direkt mit der ImPulsregion – also Erfurt, Weimar und Jena – verbunden. Zwar arbeiteten auch 821 Geraer in Erfurt. Umgekehrt hatten aber nur 141 Erfurter ihren Arbeitsplatz in Gera. Das “Tor zu Sachsen” gehört offensichtlich nirgendwo so richtig hin.

Politisch verordnen könne man das sowieso nicht, beugt Kauffmann Erwartungen vor, neue Rahmenbedingungen könnten das Bild ändern. “Der Anteil der älteren Bevölkerung in Gera ist recht groß geworden”, verweist er auf die abnehmende Zahl von Hochqualifizierten. Zudem sei die wirtschaftliche Bedeutung der ehemaligen Residenzstadt “eher schwach”.

Sicher befördert auch die guten ICE-Verbindungen zwischen Leipzig, Jena, Erfurt und Weimar die Kooperation dieser Städte. Wie lange Weimar und Jena davon noch profitieren können ist jedoch fraglich.

Die vollständige Studie lesen Sie in “Wirtschaft im Wandel” im Heft 2/2011 23.02.2011, 17. Jahrgang des IWF, das sie hier kostenlos herunterladen können.


 

One Response to Gera – Region zwischen den Metropolen

  1. Thüringer sagt:

    Diese Studie bestätigt was jeder seit zwanzig Jahren selbst sehen kann, nämlich daß Gera nach und nach in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Hauptursache ist, daß dort nahezu sämtliche Industrie liquidiert wurde. Ohne Arbeitsplätze gehen auch dei Leute weg, speziell die jungen, und damit dünnt sich auch das soziale Leben aus. Bevölkerungsschwund derzeit bei ca 25% seit der Wiedervereinigung, Ende nicht in Sicht. Ein Versuch dem gegenzusteuern war die Etablierung der Berufsakademie. Die scheint sich ganz gut zu entwickeln, aber löst allein natürlich nicht die grundlegenden strukturellen Probleme in Gera.
    Abgesehen davon halte ich es für sehr unpraktisch ganz Mitteldeutschland als eine einzige Metropolregion zu bezeichnen, wo bleibt dann die Abgrenzung? Insofern ist das Ergenis der Stude sehr zutreffend.

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