Bisher besteht in vielen Feldern der BWL eine große Diskrepanz und Ablehnung zwischen den beiden Polen Wissenschaft und Praxis. Während große VCs sicher Kapitalmarkttheoretische und Investitionstheoretische Modelle anwenden, um die Auswahl ihrer Investments und die Zusammensetzung ihres Portfolios zu optimieren, ist es für Business-Angels, die kein 10-Köpfiges Team von Investmentmanagern mit 36-Stunden-Tagen auf ein Start-Up ansetzen können unrealistisch, genauso umfangreiche Betrachtungen anstellen zu wollen.

von Jan Franke

Und bei den Investitionssummen wäre das auch vergeudete Zeit. Diese kann der Business-Angel besser investieren, indem er mit seiner unternehmerischen Erfahrung und seinen Kontakten die Erfolgschancen eines Start-Ups verbessert. Ex-Ante ersetzen dann meistens die Plausibilitätsprüfung der Business-Pläne und Bauchgefühl komplexe Investitionsmodelle.

Ähnlich sieht es auf der Gegenseite aus: Wenn BMW die Einführung einer neuen Automarke plant, übersteigt die Umweltbelastung die durch Papier-, Rechenzeit- und Kaffeeverbrauch in den Entscheidungsetagen anfallen, wahrscheinlich die Umweltschäden die das Auto im ersten Jahr seines Verkaufs verursacht. Hier werden komplexe Entscheidungstheoretische Modelle in unüberschaubaren Gleichungssystemen hochgezogen. Mittels empirischen Erhebungen, psychologischen Studien und statistischer Datenanalyse wird bestimmt ob sich das neue Auto für den Produzenten lohnt, ob der Rückspiegel rund oder oval sein muss und welche Motorenklassen angeboten werden sollten.

Das kann ein Start-Up natürlich auch machen. Dafür klopft man mit seiner Idee im Kopf an die Tür des Investors, erhält Geld um ein fünfköpfiges Team ein Jahr lang zu ernähren und schreibt einen Businessplan. Dann kommen die nächsten Millionen und ein Prototyp wird gebaut und mit den nächsten Millionen auf den Markt gebracht und beworben. Und plötzlich stellt sich heraus, dass die Kunden garkeine solarbetriebene Sonnenbank kaufen möchten.

Ein Gegenentwurf zur traditionellen Unternehmensgründung ist das sogenannte “Lean Start-Up”. Es geht dabei darum, sich mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden möglichst ballastfrei von einer ersten Idee zu einem erfolgreichen Unternehmen hochzuarbeiten. In dieser Serie möchte ich die Idee des Lean Start-Up vorstellen und zeigen, was es in der Praxis bedeutet, sich ein wenig wissenschaftlicher zu verhalten und dabei trotzdem effizienter und risikoärmer zu gründen.

Diese Denkweise erfordert teilweise viel Disziplin, beispielsweise wenn es um Meinungen geht. So lautet eine Maxime: “Deine Meinung zählt nicht”. Das steht im krassen Gegensatz zum Selbstbewusstsein oder der Hybris, die Gründerpersönlichkeiten oftmals nachgesagt wird und ein Stück weit ausmacht. Diese Methodik macht Einzelpersonen teilweise sogar ersetzbar. Nichts, worauf ein Gründer hinarbeitet. Andererseits ist sie von erheblichem Vorteil, da sie das Risiko und den Kapitalbedarf (und damit auch die Verwässerung des Gründers) erheblich reduzieren kann.

Der Begriff “Lean Start-Up” ist hervorgegangen aus dem Lean Management. Das wurde erstmalig bei Toyota untersucht. Das Unternehmen gilt als Benchmark, wenn es um effiziente Produktion geht. Dies verdankt das Unternehmen William Deming, ein US-Amerikaner, der in seinem eigenen Land mit seinen Vorschlägen auf taube Ohren gestoßen ist. Effizienz erreicht das Unternehmen durch eine stetige Verbesserung der eigenen Prozesse. Es erfolgt eine kontinuierliche Auswertung von Problemen und Fehlern, eine Bewertung von Ergebnissen und eine Implementierung von Problemlösungen.

Während Ford seine Mitarbeiter nur zum reindrehen von Schrauben nutzt, ist jeder Mitarbeiter bei Toyota auch ein kleiner “Bereichsmanager” und aufgefordert Vorschläge zu machen, wie die Produktion weiter verbessert werden kann.

Das Lean Start-Up wurde von Eric Ries in seinem Buch “The Lean Startup: How Today’s Entrepreneurs Use Continuous Innovation to Create Radically Successful Businesses.”, dessen deutsche Übersetzung im Frühjahr erschienen ist, beschrieben.

Wie kann das ganze nun konkret im eigenen Start-Up aussehen?

Ein Beispiel: Drei Gründer wollen herausfinden, welches Design ihre zukünftige Website haben soll.

Der traditionelle Weg: Es werden drei Vorschläge von einer Agentur erstellt, man diskutiert einen Nachmittag lang und letztlich setzt sich derjenige mit der tiefsten Stimme, den dicksten Oberarmen oder den meisten Xing-Kontakten durch.

Der Lean Start-Up-Weg: Jeder der Gründer entwirft (oder lässt entwerfen) eine Landingpage (z.B. http://get.echofy.me/ *). Mit Hilfe von google analytics wird ausgewertet, wie viele Personen sich innerhalb von einer Woche auf der jeweiligen Seite registriert haben. Jeder der Gründer darf in dieser Zeit weitere Optimierungen vornehmen. Immer nach dem Schema Idee -> Test -> Auswertung und wiede von vorne.

Am Ende ergibt sich ein differenziertes Bild, welche Stichwörter die Seite enthalten sollte und welche Kunden sich von welchem Design angesprochen fühlen. Darauf kann man beim Bau eines Website-Prototypen aufbauen.

In der nächsten Wochen mehr zu den Methoden des Lean-Startup-Ansatzes und wie diese konkret in die Praxis umgesetzt werden können.

* Das ist ein Negativbeispiel. Diese alle gleich aussehenden Landing-Pages von Launchrock gehen vielen mächtig auf den Senkel. Mehr dazu auf netzwertig.com

 

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