Wer sich nackig macht kriegt Geld?

Am 11. Januar 2013, in Fundstücke, von Gastautor

Gleich vorweg: bei diesem Thema habe ich mich eine Weile gefragt, ob es auf den hiesigen Blog passt. Eigentlich ist es ein Problem, dem wir tagtäglich begegnen: Wenn wir im Internet unterwegs sind haben wir ständig die Option zu bestimmen, was von uns öffentlich wird und was privat bleiben soll. Diese Option haben wir in der physischen Welt nicht. Jeder sieht, was wir im Supermarkt aufs Band legen, jeder bekommt mit, wenn wir erkältet sind oder mit wem wir unsere Mittagspause verbringen und der Dönermann weiß schon was wir bestellen werden, ehe wir es ausgesprochen haben. Mit anderen Worten: Das physische Leben ist ein gigantischer Datenschutz-Skandal.


Bild: “Das verflixte 7. Jahr”, 20th Century Fox

von Jan Franke

Das Ganze macht auch vor der Geschäftswelt nicht halt. Auch hier findet ein reger Austausch von offiziell nicht offiziellen Gedanken, Ideen und Meinungen statt. Welche Erfahrungen hat man mit einem Geschäftspartner gemacht? Wie hat der Gründer xyz in seinem ehemaligen Unternehmen performt? Welche Gerüchte und Spekulationen kursieren in der Branche?

Bei persönlichen Gesprächen fühlt man sich relativ “sicher”, wenn man solche Gedanken äußert. Der Aufwand ein solches Gespräch aufzuzeichnen ist schließlich ungleich höher, als einen Screenshot von einem Post auf FB oder Google+ zu machen.

Jedes Like, jedes Bild das wir posten, jeder Kommentar auf einen Blogartikel – all das kann später gegen uns verwendet werden. Ist es also nur rational, sich vorher zweimal zu überlegen, was wir posten? Oder ist es einfach nur feige? Geben wir nicht jährliche hunderte oder sogar tausende von Euros aus um uns durch Kleidung, Schmuck, Autos oder Handys von der Masse abzuheben und öffentlichkeitswirksam unsere “Individualität” zur Schau zu stellen? Aber wenn es um unsere eigene Meinung geht – also um das individuellste, das wir haben – kneifen wir plötzlich?

In einer Branche, wo mit Informationen und Ideen Geld verdient wird, liegen die Karten natürlich noch einmal etwas anders. Wie viel Offenheit ist angebracht und sinnvoll, wenn es um Business-Modelle sowohl von Gründern, als auch von VCs geht?

Beim Surfen bin ich über den Fall von Benchmark gestolpert, ein US-VC der mit Couch-Surfing, ebay und Instagram durchaus ein paar goldene Eier im Nest liegen hat(te). Früher hatte er eine informative Website auf der die Gründer seiner Portfolio-Unternehmen vorgestellt wurden, die Unternehmen selbst einen Platz hatten, Marktnews präsentiert und das eigene Unternehmen repräsentiert wurde.

Heute besteht die Homepage noch aus einer Seite:

Betriebswirtschaftlich rational ist das wahrscheinlich, da eine Website  Geld kostet und für einen VC, dessen Deals überwiegend über persönliche Kontakte kommen dürften, somit unwirtschaftlich ist. Eventuell spart er sich so sogar die Bearbeitung von Massenanfragen, bei der Gründer mit Ideen, die in Phase eins (persönliches Netzwerk) durchgefallen sind versuchen, doch noch einen Investor zu finden, der sich zu einer Finanzierung hinreißen lässt (adverse Selektion).

Den entgegengesetzten Weg geht USV (Union Square Ventures). Dieser VC aus NYC hat sich der totalen Transparenz verschrieben. Man kann auf seiner Website von der Investment thesis bis zu Research-Ergebnissen so ziemlich alles finden. In diesem öffentlichen Google-Dokument hat USV z.B. seine Marktanalyse des Online-Education-Marktes festgehalten.

Der Investor erhofft sich durch Diskurs mit den Lesern eine kritische Beurteilung seiner Arbeit und Hinweise auf bisher nicht beachtete Aspekte. Außerdem haben Gründer so die Möglichkeit, die Denk- und Arbeitsweise eines Investors kennen zu lernen und so erhält der VC wiederum relevantere und bessere Geschäfts-Ideen. Dafür lohnt es sich möglicherweise auch zweimal pro Woche Absagen an Ungarn zu schicken, die Filmfinanzierung suchen oder an Gründer, die fünf Jahre nach der Groupon-Gründung noch immer nicht wahrhaben wollen, dass es ein solches Portal bereits gibt.

Auch in Deutschland gibt es einige Beispiele von VC-Mitarbeitern und Business-Angels die fleißig vermeintliche Interna nach außen tragen.

Christoph Janz blogt hier z.B. darüber, wie die digitale Zusammenarbeit bei Point Nine Capital funktioniert.

Auch Fabian Westerheide ist auf seinem Blog recht aktiv  und schreibt über aktuelle “Boulevard-Themen” in der Startup-Szene genauso, wie darüber, wie bei Point Nine Ventures Investmententscheidungen getroffen werden.

Die Krone hat dem ganzen natürlich ein Autor, der bis 2008 unter dem Pseudonym “Tim” bloggte, aufgesetzt: Er griff ausgesprochen brisante Insiderinformationen, beispielsweise  die einstweilige Verfügung von Abercrombie&Fitch gegen Brands4friends auf, nachdem B4F gefälschte Kleidung des US-Labels verkauft hatte.

Das ganze beweist er mit Scans von Originaldokumenten. Komischerweise fand sich auf Gründerszene (gehört Team Europe, also zum B4F-Gründer Gadowski) und Deutsche Startups (EFF also Samwer) kein Wort zu dem Skandal.

Doch nicht nur auf Investorenseite trifft man mitunter auf ein hohes Maß an Transparenz. Auch wenn Gründer von den täglichen Hürden, die eine Unternehmensgründung mit sich bringt berichten, kann es interessant werden. Insbesondere dann, wenn sie dem “traditionellen Kommunikationsmodell” (Gründer schickt ExSum, Investor schickt Absage) einen Feedbackkanal hinzufügen.

Dies tut beispielsweise Tempreo-Gründer Eugen Müller. Er berichtet auf seinem Blog beispielsweise über die Atevia AG (ehem. Kizoo AG), die mit dem VC-Geschäft die Hälfte ihres Kapitals verloren hat und nun lieber in Immobilien investiert. Da Kizoo als GmbH weiter aktiv ist und Gründer animiert Business-Pläne zu schicken nennt Müller sie Pseudo-VC, nachdem er bereits 2 Stunden nach seiner Finanzierungsanfrage dort eine Absage bekommen hat: “In Ihrem BP steht, dass zu viel Personal im 4. Jahr erforderlich ist.”.

“Der Leser hat aber Recht, dass ich sauer bin. So sauer, wie auf jeden anderen Pseudoinvestor, der meine Zeit stielt, indem er vorgibt, in innovative Startups zu investieren, es tatsächlich aber nicht tut.”

Nachdem Müller die bisherigen Investments von Kizoo analysiert hat kommt er zum Schluss:

“Man sieht also, dass alle diese StartUps zwei Sachen vereinen: es sind alles Clone und sie sind einfach zu verstehen. Bei Kizoo wird also Wert darauf gelegt, dass das, was ein StartUp macht, vom Investor schnell verstanden werden kann. Dies ist aber nur auf den ersten Blick der richtige Gedanke. Tatsächlich muss die Idee vom Kunden verstanden werden, nicht vom Investor. Dieser beispielsweise in der Chemie-Branche akzeptierter Gedanke, hat sich unter den Investoren der Internet-StartUp-Szene noch nicht durchgesetzt. Immer noch sind Investoren vom Elevator Pitch überzeugt.”

Damit hat er ja nicht unbedingt unrecht. Auch mit kritischen Kommentaren über Business Angels hält Müller nicht hinterm Busch:

“Im aktuellen BAND-Panel mit der Nummer 43 steht es noch etwas versteckt: die Business Angels können mit den getätigten Investitionen kaum Geld verdienen, sind dabei aber glücklich. In diesem Blog übersetzen wir das politisch korrekte Geschwafel in Normal-Deutsch. Somit heißt es: man ist blöd, aber glücklich.”

Er beantwortet dann die Kommentare, die Business-Angels des Netzwerkes in Frankfurt an seinen One-Pager geschrieben haben, zum Beispiel:

„Das gibt es schon X-mal und grenzt sich zu wenig ab.“

Antwort: ich würde mich freuen, wenn Sie 3-4 davon nennen. Vielleicht verwechseln Sie das Konzept von Tempreo mit Jobbörse. Über die Jobbörsen können Zeitarbeitsfirmen die Leiharbeiter finden. Aber wie kommen die Zeitarbeitsfirmen an die Aufträge von Kunden heran? Nur über Tempreo.

Die Frage ist, ob sich ein Gründer damit einen Gefallen tut, dass er in dieser Art und Weise seine (oftmals sicher berechtigte) Frustration über das Verhalten von Investoren zur Schau stellt. Sicher wird sich der eine oder andere Investor die Mühe machen, den Namen des Gründers zu googlen um ein paar Background-Infos einzuholen (so bin ich auch auf den Blog gestoßen). Bei mir hat es dazu geführt, dass ich den Business-Plan des Gründers ein zweites Mal bei unseren Business-Angels mit der Bitte vorgelegt habe, ein Investment an dem Unternehmen zu prüfen.

Im Allgemeinen ist zu beobachten, dass die Generation der digital natives einen lockereren Umgang mit persönlichen Äußerungen im Netz pflegen. Hier werden Facebook-Kommentare als Chatbox genutzt, ungeachtet der Tatsache, dass das gesamte Netz mitlesen kann. Auf der anderen Seite erhöht sich möglicherweise auch die Toleranz gegenüber eigenwilligen Einlassungen anderer. Vielleicht reguliert sich das ganze ja von selbst, indem konservative Nutzer – die sich möglicherweise von obigen Äußerungen angegriffen fühlen würden – nicht so häufig nach Personen googeln.

Wie viele Informationen geben Sie von sich im Netz preis? Was halten sie von der beschriebenen Transparenz “ohne Rücksicht auf Verluste”?

 

Kommentare sind geschlossen.



Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen die bestmögliche Funktionalität bieten zu können. mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close