Mehr Bürokratie wagen!

Am 16. Februar 2013, in Politik & Recht, von Gastautor

Kürzlich habe ich mit einem Gründer aus der Schweiz gesprochen, der mir von den dortigen Bedingungen für Start-Ups berichtete. Er schätzte die Schweiz als relativ gründerfreundliches Land ein, führte dabei jedoch nicht etwa Fördermöglichkeiten, staatliche Kapitalbeteiligungen oder Gründerdarlehen oder öffentlich finanzierte Beratungsangebote an. Stattdessen lobte er die schlanke Bürokratie.

von Jan Franke

Als ich mich davon überzeugen wollte stieß ich auf das Portal “StartBiz”, das ein One-Stop-Shop für Gründer ist. Hier kann man komplett online alle notwendigen bürokratischen Schritte für eine Unternehmensgründung erledigen, das heißt nicht nur die Eintragung ins Handelsregister, sondern auch die Anmeldung bei der Rentenversicherung, Finanzamt (Mehrwertsteuer), Unfallversicherung und alles, wo der Gründer mit der staatlichen Verwaltung in Berührung kommt.

Wacht man in der Schweiz also nachts mit der Gründungsidee auf, so kann man sich sofort an die Umsetzung machen und ist früh morgens bereits Inhaber seines eigenen Unternehmens. Man kann natürlich die Frage stellen, ob ein wirklich überzeugter Gründer sich von zahllosen Behördengängen und dicken Stapeln von Formularen von seiner Idee abbringen lässt oder ob es bei jemandem, der so schnell aufgibt vielleicht besser ist, dass er nicht weitermacht. Dass Gründer ohnehin schon mit einem außerordentlich hohen Arbeitspensum belastet sind und ihre Zeit im Business-Plan oder der Facebook-Fanpage besser angelegt ist, als im Vorzimmer des Gewerbeamtes, steht wohl außer Frage.

Deutschland ist leider nicht ganz so fortschrittlich wie die Schweiz. Der “Doing Business Report” der Weltbank vergleicht jährlich weltweit, wie unternehmensfreundlich Länder sind. Der Report für 2013 sieht im Bereich Unternehmensgründung durchaus Verbesserungen, da Deutschland beispielsweise die UG als Rechtsform geschaffen hat und die Umsetzung des ELENA-Verfahrens endgültig eingestellt wurde.

Insgesamt erreicht Deutschland unter 185 Ländern nur den 106. Platz. direkt hinter Nepal, Mikronesien und dem Jordan. Auch im europäischen Vergleich ist Deutschland auf Platz 24 von 33 unterdurchschnittlich. Untersucht wurde die Gründung einer Kapitalgesellschaft.

Bewertet wurden bei dieser Einschätzung folgende Indikatoren:

  • Anzahl notwendiger formaler Kontakte
    (z.B. Notar, Finanzamt, Gewerbeamt …)

    Deutschland: 9
    Europa: 6
  • Durchschnittliche Dauer in Tagen
    Deutschland: 15
    Europa: 14
  • Kosten
    (z.B. Anmeldegebühren, Kosten für Notar falls gesetzlich gefordert; in % des Durchschnittseinkommens)
    Deutschland: 4,9 %
    Europa: 4,9%
  • Mindestkapital-Anforderung
    (in % des Durchschnittseinkommens)
    Deutschland: 0 %
    Europa: 14,9%

Dies sind die untersuchten administrativen und bürokratischen Hürden, die laut Weltbank die wichtigsten Faktoren von staatlicher Seite für Unternehmensgründer darstellen. Man sieht, dass hier durchaus Nachholbedarf besteht. Problematisch ist speziell in Deutschland der Föderalismus, da viele Vorschriften nur mit Zustimmung der Bundesländer geändert werden können bzw. individuell von jedem Land oder sogar jeder Kommune festgelegt werden.

Im Folgenden habe ich eine Übersicht zusammengestellt, welche Behördengänge bei einer Gründung notwendig sind und wie es speziell in Thüringen ggf. bereits online geht.

    1. Gewerbeamt
      Eine Gewerbeanmeldung ist (außer bei freien Berufen) Pflicht. Man erhält einen Gewerbeschein. Die Anmeldung ist in Thüringen über ein Online-Portal möglich. 

       

       

       

    2. Handwerkskammern und IHK
      Man hat keine Wahl: Als Gewerbetreibender wird man Zwangsmitglied in der zuständigen Kammer. Das ist in den meisten Fällen die IHK, bei Handwerkern die zuständige Handwerkskammer.

– Anmeldung IHK
– Anmeldung zulassungspflichtiges Handwerk
– Anmeldung zulassungsfreies Handwerk

  1. Eintrag ins Handelsregister
    Hier hilft nur der Gang zum Notar.
  2. Finanzamt
    Und noch ein Fußweg. Die Finanzämter müssen über die Aufnahme einer gewerblichen Tätigkeit informiert werden, damit man eine Steuernummer erhält.
  3. Berufsgenossenschaft
    Anzeigepflicht besteht hier für jeden Gewerbebetrieb – auch ohne Arbeitnehmer. Hier geht es um die gesetzliche Unfallversicherung. Da es in Deutschland für viele Branchen eigene Berufsgenossenschaften gibt muss man vorher herausfinden, bei welcher man sich anmelden soll. Die Anmeldung funktioniert in der Regel auf dem Postweg. Einen Überblick über alle Genossenschaften gibt es hier. 

     

     

     

  4. Arbeitsagentur
    Wer Arbeitnehmer beschäftigt muss sich auch hier anmelden. Man erhält eine Betriebsnummer. Den entsprechenden Antrag kann man hier online stellen.
  5. Kranken- Renten- und Pflegeversicherung
    Jedes Unternehmen, das Mitarbeiter beschäftigt muss diese bei der Krankenversicherung anmelden. Das geht für alle Krankenkassen online über das Portal SV-Net, worüber auch die Anmeldung für die weiteren verpflichtenden Sozialversicherungen abgedeckt wird.

Je nach Gewerbe gibt es eventuell noch zusätzliche Anmeldepflichten. So müssen Mitarbeiter im Gaststättengewerbe beispielsweise noch beim Gesundheitsamt vorsprechen.

Wenn man das alles erfolgreich hinter sich gebracht hat darf man zu recht stolz darauf sein, sich künftig Unternehmer zu nennen. Die erste Hürde ist damit genommen. Leider ist es notwendig, dass man als Unternehmer und Gründer immer auch einen kleinen Beamten in sich trägt und mit Anträgen und Formalitäten zumindest nicht auf Kriegsfuß steht. Sollte man damit absolut nicht zurecht kommen, so sollte man in Erwägung ziehen, den bürokratischen Teil für ein paar Euro im Monat abzugeben um sich voll und ganz auf sein Kerngeschäft konzentrieren zu können.

 

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